I never even listened to it.

Evgenii Bauer, After Death, 3-minute tracking shot plus reaction shot: Interessant, dass man quasi mit Gewalt die Augen aufhalten und auf den Helden fixieren muss, um wirklich sicher zu sein, dass die Einstellung nicht zwischendurch geschnitten wurde. Vielleicht finde ich es deswegen angemessener, Szenen zu montieren als in einer Einstellung zu filmen: Weil wir das, was wir sehen, ohnehin aus einzelnen Blicken zusammensetzen, und nie mit starrem Blick ein einziges Gesichtsfeld beobachten. Allein der Wimpernschlag ist ja schon ein Schnitt, woher wollen wir wissen, dass nicht ausgerechnet in diesem Augenblick etwas Entscheidendes passiert ist? Auch wenn wir etwas mit größter Aufmerksamkeit beoabachten, gehen wir aus Erfahrung davon aus, dass wir im Blinzeln nichts verpassen, tatsächlich sind das aber einzelne Blicke mit winzigen Unterbrechungen, die wir zusammensetzen, weil wir wissen, dass wir eine kontinuierliche Bewegung verfolgen. Im Grunde würden dem winzige jump-cuts im Film entsprechen. Im Film können wir aber eben nicht entscheiden, ob nicht doch ein kleiner Schnitt stattgefunden hat, da wir wissen, dass dies – im Unterschied zur nicht aufgezeichneten Realität – möglich wäre. Wir können also, wie gesagt, gar nicht entscheiden, ob wir einen ungeschnittenen tracking shot, oder einen tracking shot mit jump cuts gesehen haben, wenn wir nicht unsere volle Konzentration darauf gerichtet haben, keine Millisekunde des Filmes zu verpassen. Und deswegen finde ich, dass der tracking shot als künstlerisches Mittel eigentlich obsolet, weil theoretisch, ist. Man nimmt ihn eh nicht als solchen wahr.

In der Musik ist dies übrigens anders, weil man seine Aufmerksamkeit von einem akustischen Signal nicht völlig abwenden kann, und ein Schnitt immer als Veränderung, also als explizites Ereignis aufgefasst würde. In der Tonaufzeichnung kann man den Schnitt natürlich verstecken, aber nicht überhören, wenn er überhaupt hörbar ist. Mit anderen Worten: Die akustische Realität ist kontinuierlich, die visuelle Realität ist zusammengesetzt, und genau deswegen ist der Film mit seiner Montagetechnik ein so geniales Mittel, die visuelle Realität darzustellen: Er emuliert und überhöht unsere Art, die Welt zu sehen.

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