öffentliche Rede: Interessant, was alles nicht geht, nämlich eigentlich gar nichts. Sofern es nicht um Fakten, die referiert werden müssen, geht, muss sich öffentliche Rede im Wesentlichen darauf beschränken, Fehler zu vermeiden, und das ist nicht Schuld der Redner oder des Publikums, sondern Notwendigkeit des Mediums. Es geht nicht darum, etwas Bestimmtes zu sagen, sondern, dass überhaupt etwas gesagt wird. Sozusagen ein Pro-Forma-Sprechen, ein Erfüllen des öffentlichen Auftrags der Rede. Auch angeblich provokante Reden erfüllen genau diesen Auftrag: Er war dann eben anders gestellt. Publikumsbeschimpfung, Tabubruch, etc.: Alles Handlungsweisen, die zum Auftrag der Künstlerrede gehören. Eher eine Missachtung des Auftrags, wenn sie nicht erfüllt werden. Die Frage wäre, was passieren würde, wenn der Auftrag wirklich gebrochen würde, bzw. ob das Medium tatsächlich so stark ist, dass der Auftrag gar nicht gebrochen werden kann. Dass der Selbstschutz des Redners jedes Durchbrechen des Auftrags automatisch neu kodiert um zu signalisieren: Keine Angst, ich rede nur. Ich bin nicht gefährlich. Hier droht keine Gefahr. Und alles andere als pathologisch betrachtet würde.
Insofern kann man Politikern auch nicht unbedingt vorwerfen, dass sie lügen, denn in gewisser Weise können sie gar nicht lügen, da sie performen, und die Suggestion der Authentizität, also der Möglichkeit der Lüge, gehört zur Performance dazu. Lustigerweise haben sich Politiker in der Zwischenzeit so sehr in ihre Rolle eingearbeitet, dass man ihnen die Möglichkeit der Lüge eigentlich nicht mehr abnimmt – weil man sie in keiner Weise mehr für authentisch hält. Das wäre dann aber ein klares Zeichen von schlechter Performance. Und in gewisser Weise zu großer Authentizität, was ihre Rolle betrifft. Sie zeigen zu deutlich, dass sie nur eine Rolle spielen. Die zahllosen persönlichen Unvollkommenheiten, die Politiker in ihre Rolle einbringen, ändern im Übrigen nichts daran, dass es sich um eine Rolle handelt, im Gegenteil helfen sie, der Rolle ein authentisches Gesicht zu geben. D.h. ja übrigens auch, dass Politiker nur zu einem ganz kleinen Teil ihre Rolle selbst gestalten können, und der weitaus größte Teil von ihrer Funktion vorgegeben wird.
Das Durchschaubare der Nichtauthentizität macht Politik im Übrigen so abartig langweilig. Da müsste definitiv an der Performance gearbeitet werden.
Müsste man noch weiter auseinander dividieren.
Lustigerweise direkte Demokratie schon längst praktiziert: Die Politiker lauschen dem Volk seine Wünsche von den Lippen ab, um wiedergewählt zu werden. Komplette gegenseitige Fremdsteuerung, geschlossenes System ohne Entscheidungsfreiheit.