Arie: Samples auf Keyboard legen, stark geräuschhaft, tendenziell keine Popklänge. Eher impulshafte Klänge als gehaltene Klänge, kurze Crescendi und Decrescendi. Dementsprechend Ensemblestruktur kurze Einwürfe, starke dynamische Kurve, sofort wieder wegnehmen.
OHM: Wenn man nicht weiß, worum es geht, sitzt man vor einem undurchdringlichen Spektakel von lärmenden Obertonspektren und fragt sich, was der Unterschied zu einem dilettantischen Kratzen auf der Violine sein soll. Genau darin besteht aber ein wesentlicher Verdienst des Stückes: Bei größtmöglicher instrumentaltechnischer Differenzierung keine Rücksicht auf die reale Darstellbarkeit des Ergebnisses zu nehmen, sondern das Ergebnis als unerschütterliche Wand zu präsentieren, die nur dann durchsichtig wird, wenn es dem Hörer gelingt, sich von der Aggressivität des Primäreindrucks zu befreien. Diese Konstellation kann auch als kompositorische Ironie gedeutet werden: Dass die extreme instrumentaltechnische Differenzierung, die sich ja definitiv auch im klanglichen Resultat niederschlägt, aber eben nur als sekundärer Eindruck, zu einem groben Primäreindruck führt, der die meisten Hörern vermutlich zu dem Schluss bringt, dass es sich um ein undifferenziertes, eindimensionales Stück handelt.
Die Diskrepanz zwischen primärem und sekundärem akustischem Eindruck wäre mit einer größeren Besetzung oder einer elektroakustisch unterstützten Konstellation wesentlich einfacher zu produzieren, aber auch viel durchschaubarer und als technischer Verschleierungseffekt letztlich banal. Nur dadurch, dass es sich um ein einziges Instrument handelt, das mit exakt der gleichen Reihe von Aktionen sowohl Vordergrund, als auch Hintergrund produziert, kann das Verhältnis zwischen diesen beiden Schichten offen gehalten werden. Es ist eine wichtige Errungenschaft des Komponisten, dass er die eigentlich groteske Spannung zwischen einem lauten, aber undifferenzierten Vordergrund, und einem dagegen deutlich zurücktretenden, extrem differenzierten Hintergrund, zu keinem Zeitpunkt aufhebt, sondern als unaufgelöstes Rätsel in den Raum stellt.
Hörst Du, was ich höre? Keine Ahnung.
Hörst Du das auch, Schatz? Wieso, was denn?
Nebenbei wird mit diesem Stück auch ein perfekte Metapher für Anerkennung und Ablehnung etabliert: Es wird offensichtlich, wie verschieden wir real wahrnehmen, und wie sehr unsere psychologische Prädisposition unsere akustische Wahrnehmung beeinflusst.
Entkoppelung.
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